Ergonomie: Küche ganz nach Maß

Bei der Küchenplanung ist der Computer unverzichtbar. Per Simulation werden die ersten Wünsche der Kunden sichtbar. Neuerdings kommt aber ein weiteres Instrument zum Einsatz: Der ergonometer des Arbeitskreises „Die moderne Küche“. Von Marcel Gäding

988469.490x350.resizedAls in den 1990er-Jahren Küchenplaner damit begannen, die Wünsche ihrer Kunden mit Hilfe einer Computersimulation darzustellen, war das eine kleine Sensation: Anhand des vorher genommenen Aufmaßes konnten die Experten auf dem Bildschirm schon mal einen Einblick davon vermitteln, wie die Küche aussehen wird. Heute ist der Computer unverzichtbar bei der Küchenplanung – aber längst nicht das einzige Instrument, das zum Einsatz kommt. Denn viele Küchenexperten bedienen sich eines Messgeräts, das zunächst an jene Zentimetermaße aus Arztpraxen erinnert, mit denen Mediziner die Körpergröße feststellen konnten. Der AMK ergonometer hat auch etwas mit Gesundheit zu tun – er kommt im Zusammenhang mit der Planung körpergerechter Küchen zum Einsatz. Erfunden wurde er von der Arbeitsgemeinschaft „Die moderne Küche“ – kurz AMK.

Eine Küche körpergerecht zu planen ist keine Erfindung dieser Tage, sondern eigentlich schon seit gut etlichen Jahren für Küchenexperten ein Thema. AMK-Geschäftsführer Kirk Mangels sagt, dass zunächst behindertengerechte Küchen im Vordergrund standen. Denn Menschen mit Einschränkungen in der Bewegung oder mit einer kleinen Körpergröße benötigen in der Küche Möbel und Küchengeräte, die keine Hindernisse darstellen. Entscheidend ist die Höhe von Arbeitsplatten und die Zugänglichkeit von Spüle, Backofen, Herd oder Geschirrspüler. Der Ansatz, die Küche auf die körperlichen Bedürfnisse ihrer Nutzer hin zu planen, ist auch Ausgangspunkt für die körpergerechte Küche. Entsprechende Untersuchungen erstrecken sich mittlerweile über mehrere Jahrzehnte. „Dabei fließen neue Erkenntnisse ein“, sagt Kirk Mangels. Unter anderem seien Untersuchungen zu dem Schluss gekommen, dass nicht die Körpergröße eines Küchennutzers entscheidend für die Höhe von Arbeitsplatte, Schränken oder Hausgeräten sei, sondern die Höhe der Ellbogen. Hintergrund dieses neuen Ansatzes bei der Küchenplanung sind gesundheitliche Aspekte. In der neuen Traumküche sollen erst gar keine Rückenschmerzen oder andere gesundheitliche Probleme entstehen. Es gehe also darum, dass ideale Maß zu finden.

Im Fokus der körpergerechten Küchenplanung stehen mehrere Aspekte. So bildet die Arbeitsplatte einen Schwerpunkt. Auch die Spüle und die Anordnung von Geräten wie dem Backofen oder dem Geschirrspüler sind entscheidend. Weiteres Kriterium: In welcher Höhe werden Teller, Pfannen oder Töpfe gelagert? In jedem Fall voll verhindert werden, dass man sich umständlich streckt, ständig nach unten beugt oder die Wirbelsäule überdehnt. Das perfekte Maß haben Arbeitswissenschaftler der Technischen Universität in Darmstadt ermittelt: Zehn bis 15 Zentimeter unterhalb des Ellbogens gilt die Arbeitshöhe als ideal. „Ferner empfehlen wir eine Arbeitsfläche von mindestens 90 Zentimetern Breite zwischen Spüle und Kochfeld“, wird hierzu auch Professor Ralph Bruder vom Institut für Arbeitswissenschaft (iad) an der Technischen Universität Darmstadt zitiert. Das breite Tätigkeitsfeld der Küchenarbeit könne in der ergonomischen Analyse mit einem Steh-Sitzarbeitsplatz in einer Werkstatt verglichen werden. Bereits 1991 lieferte das Institut im Rahmen einer gemeinsam mit dem AMK organisierten Studie erste Anhaltspunkte für die körpergerechte, ergonomische Küchenplanung. Eine von der AMK in Auftrag gegebene Nachfolgestudie unterstreicht die seinerzeit gewonnenen Erkenntnisse. Eine länger andauernde, nach vorne gebeugte Arbeitshaltung belaste die Rückenmuskulatur statisch und bewirke eine ungünstige, weil asymmetrische Belastung der Bandscheiben, sagt der Dachverband von derzeit 130 Mitgliedsunternehmen. Statische Belastungen von Muskelgruppen führten zu schmerzhaften Ermüdungserscheinungen, da die Durchblutung der Muskeln bei Anspannung behindert werde und so die Versorgung mit Sauerstoff und Energieträgern sowie die Abfuhr von Abbauprodukten unterbrochen wird.

Das AMK Ergonometer steht auf einem stabilen Kreuz aus Aluminium. Der Ellbogen des Kunden wird im 90-Grad-Winkel auf einer Armauflage platziert. Diese funktioniert wie ein Schieber und wird vom Küchenexperten entsprechend platziert. Eine Am Ergonometer befindliche Skala liefert dann die entscheidenden Zahlen: einmal für die optimale Arbeitshöhe, zum anderen für die Arbeitshöhe an der Kochzone. Während alte Küchenmodelle keine Höhenunterschiede kennen, ist das bei modernen Modellen anders. So befindet sich der Herd von der Höhe her unterhalb der Arbeitsplatte für die Vorbereitung der Speisen. Umgekehrt  sei das bei der Spüle, erklärt AMK-Geschäftsführer Kirk Mangels: Hier liegt die Arbeitsebene auf dem Spülenboden, das heißt die Spüle könnte höher eingebaut werden. Vom  Institut für Arbeitswissenschaft kommt deshalb die Empfehlung, den Kochbereich um 25 Zentimeter unterhalb der Ellenbogenhöhe abzusenken. Die Spüle sollte allerdings zehn Zentimeter über der Ellenbogenhöhe liege. „Unterschiedliche Arbeitshöhen sind nicht zwingend erforderlich, jedoch bei einer Küche mit verschiedenen Blöcken leicht realisierbar, ohne dass das Gesamtbild der Küche leidet“, heißt es dazu in einer Veröffentlichung der AMK.

Aber: Moderne Küchenplanung nimmt nicht nur auf die ergonomische Arbeitshöhe Rücksicht, wie die AMK sagt. Dazu gehören auch eine Reihe weiterer Planungsstandards. Entscheidend für die perfekte Küche sind auch die Arbeitsabläufe, die in eine sogenannte Wegeplanung münden und das Kochen so effektiv wie möglich gestalten sollen. „Die Küche besteht aus mehreren Zonen – unter anderem für die Vorbereitung der Speisen, das Küchen und das gemeinsame Essen“, sagt Kirk Mangels. Dies sei bei der Anordnung der Küchenelemente zu berücksichtigen. Eine Küche ist auch dann perfekt, wenn sie über sogenannte Vollauszüge verfügt: Damit lassen sich auch die in der hintersten Ecke eines Küchenschranks gelagerten Töpfe oder Pfannen kinderleicht erreichen. Wissenschaftler Bruder empfiehlt im Zusammenhang mit der Küchenplanung außerdem höhenverstellbare beziehungsweise niedrigere Arbeitsflächen, an denen auch sitzende Küchenarbeiten möglich sind. Sie ergänzen die sogenannten Steharbeitsflächen. Weiteres Kriterium: Ist der Küchenutzer Linkshänder oder Rechtshänder? „Eine händigkeitsgerechte Küchenorganisation sollte daher ein selbstverständlicher Standard sein“, erklärt die AMK. Für Rechtshänder gelte ein Arbeitsablauf von rechts nach links, für Linkshänder umgekehrt. „Auch die Lichtquelle sollte auf die Händigkeit des Benutzers abgestimmt sein.

Weil heutzutage Küchen von Frauen und Männern mitunter gleichermaßen genutzt werden, lässt sich die ergonomische Küchenplanung längst nicht mehr auf die körperlichen Gegebenheiten von nur einem Hobbykoch oder einer Hobbyköchin reduzieren. Eine flexible Komfortlösung für unterschiedlich groß gewachsene Küchennutzer bieten elektrisch höhenverstellbare Sockelsysteme. Die darauf installierten Arbeitsplatten und Küchenschränke lassen sich mit einem Knopfdruck um bis zu 20 Zentimeter nach oben oder unten fahren.

Komfort entsteht zudem auch, in dem die Einbaugeräte wie der Backofen, der Dampfgarer oder der Kaffeevollautomat auf Augenhöhe gebracht werden. Das mühselige Bücken entfällt, wenn man nach dem Braten oder dem Kuchen schauen möchte. Bewährt haben sich in der Vergangenheit auch Insellösungen etwa für den Herd oder die Arbeitsfläche, auf der Gemüse geschnitten und Fleisch zubereitet wird. Wer sich schon mal an einem Hängeschrank den Kopf gestoßen hat, wird diese in der Mitte einer Küche platzierten Möbel zu schätzen wissen.

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