Lampen made in Berlin: Licht in moderner Form

Juliane Grubel hat einen Job, für den es in dieser Form keine Ausbildung gibt: Sie ist Lampenmacherin. In einer offenen Werkstatt können ihr die Kunden dabei zusehen, wie sie Lampenschirme fertigt. Ihr Material bezieht sie unter anderem aus Japan. Von Marcel Gäding.

Amseldesign BerlinHoch konzentriert schneidet Juliane Grubel das Material zu. Erst das Papier, dann die Spezialfolie. Auf dem großen Ateliertisch ihres Ladens an der Kyffhäuserstraße im Berliner Stadtteil Schöneberg stehen kleine Holzkisten mit Scheren, Bleistiften und Kleber drin. Auch ein Skalpell liegt griffbereit. An der Wand hängen übergroße Winkelmesser und Ringe in verschiedenen Durchmessern. In den Regalen drum herum haben Stoffballen ihren Platz, während unter dem Tisch Papier aus Japan lagert. Alles ist griffbereit, jeder Schritt und jeder Schnitt sitzt. Eine halbe Stunde braucht die junge Frau, um aus dem Material eine mit Papier bezogene Lampe zu machen – wenn sie nicht unterbrochen wird. Denn Juliane Grubels Geschäft ist Laden und Werkstatt zugleich. Jeden Augenblick könnte ein Kunde vor ihr stehen.

Amseldesign hat Juliane Grubel ihr Label genannt, wobei der Name etwas irreführend ist. „Ich war auf der Suche nach einem einprägsamen Namen“, sagt sie. Und weil ihre Tochter Amelie heißt und deren Spitzname Amsel lautet, entschied sie sich für Amseldesign und nicht für eine dieser trendigen Bezeichnungen, wie sie Designer in der ganzen Stadt verwenden. Ihren kleinen Laden mit Werkstatt betreibt sie in einem denkmalgeschützten Haus aus der Jahrhundertwende. An den historischen Stuckdecken hängen die Lampenschirme in verschiedenen Größen und Mustern. Nur die röhrenartige Grundform ist die gleiche. Das trifft auch auf die Tisch- und Wandlampen zu. Dennoch ist jede Lampe ein Einzelstück, das Juliane Grubel mit viel Liebe zum Detail und mit extrem viel Präzision schafft. Eine bestimmte Bezeichnung hat dieses Design nicht. „Das ist eine einfache Form, die hat keinen Namen“, sagt Juliane Grubel. Sie orientiert sich da an der Formensprache der 1960er- und 1970er-Jahre. Damals hingen solche Lampen in jeder Wohnung.

Aufgegriffen aus dieser Zeit hat sie die teilweise kräftigen, deckenden Farben Rot, Orange und Geld. Derzeit stark nachgefragt sind aber auch Lampenschirme in Grau, die fast in jede Wohnung passen. Gefertigt werden die Lampenschirme in sieben Durchmessern – der kleinste ist 15 Zentimeter, der größte 80 Zentimeter. Geduld ist dabei ebenso gefragt wie das handwerkliche Talent. Natürlich hat das alles auch seinen Preis, die Spanne bewegt sich zwischen 40 und 460 Euro. Viele Kunden entscheiden sich vor Ort ganz spontan im Geschäft, eine Lampe zu kaufen. Andere wiederum bestellen im Internet. „Ganz besonders oft liefere ich nach Süddeutschland.“

Material aus Japan

Die Bestandtteile der Lampenschirme sind bis auf die Außenhaut immer gleich: Zwei Metallringe, einer davon mit der Halterung für die Glühbirne, eine stabile und nicht brennbare Folie, ein bisschen Leim – das wars. Um die Folie spannt Juliane Grubel entweder Stoff oder Papier, das aus Japan stammt. Zum einen wird das Papier in einer Fabrik hergestellt. Zum anderen kauft die Lampenmacherin handgeschöpftes und handbedrucktes Papier aus einer Werkstatt, die von allen Handwerksbetrieben in Japan als einzige übrig geblieben ist: Die Muster entstehen durch viele kleine Schiffchen, durch Dreiecke, goldene Wellen oder kleine Punkte. Kimonovorlagen sagen die Experten dazu.

Den Beruf, den Juliane Grubel ausübt, gibt es in dieser Form gar nicht. Hier kommt ihr das Studium der Bekleidungstechnik zu Gute, das sie zunächst für einige Modedesigner arbeiten ließ. Dort setzte sie die Entwürfe für Kleider um. Nebenher probierte sie dann die Sache mit den Lampenschirmen, die gut bei Freunden und Bekannten ankamen. Vor zwei Jahren schließlich machte sie sich mit der Geschäftsidee selbstständig, denn im Modebereich gibt es so gut wie keine Beschäftigungsmöglichkeiten. Zumindest nicht in Berlin.

Natürlich könnte sie auch ganz ausgefallene Lampenschirme herstellen, die kauft aber niemand. Kegelförmige Leuchten gehören dazu. Also konzentriert sich Juliane Grubel erst einmal auf die röhrenartigen Lampenschirme, auf deren Standardanfertigungen sowie die Reparatur alter Lampen. Problemlos kann sie auch komplette Wohnungen mit der passenden Beleuchtung ausstatten – alles in einer Farbe, in einer Form und in einem Design. Am liebsten sind ihr die Lampenschirme aus dem japanischen Papier, denn dazu hat sie eine große Affinität, „wenngleich ich noch nie in Japan war“. Das Papier, das in Japan auch zum Einbinden von Büchern benutzt wird, sei besonders lichtecht. Auf den Millimeter genau schneidet sie die Folie und das Papier zu, um es dann aufzukaschieren. Dabei wird das Papier auf die Folie geklebt. Danach verklebt sie die Naht und legt den Schirm um die beiden Metallringe. Diese wiederum werden mit dem Lampenschirm vorsichtig verleimt.

Was wirklich gut bei ihren Kunden ankommt, entscheidet Juliane Grubel aus dem Bauch heraus. Sie sagt, dass sie ein Näschen für Trends hat. Immerhin bringt sie das in ein Buch über die 50 besten Designer der Stadt, dessen Erscheintermin für Frühjahr kommenden Jahres gesetzt ist. „Eine Kundin aus Potsdam hat dem Verlag den Hinweis gegeben“, sagt Juliane Grubel stolz. Das ist aber auch ein Ansporn für das, was vor ihr liegt. Demnächst will sie sich auch an eckigen Lampen probieren.

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